Niklaus Reichle
«La vita e un viaggio, non una destinazione.»
Michela Murgia
Niklaus Reichle ist seit 2025 im Kanton Thurgau als Kulturagent tätig.
Wäre Niklaus einen Tag lang Schulleiter, würde er bestehende Gruppen neu zusammenstellen und ihnen nur eine Aufgabe mitgeben: Macht das, was euch wirklich interessiert und Freude macht! Danach würde er sie ganz sich selbst überlassen. Kleine Gruppen, Freiräume, Augenhöhe. Aber er weiss: Ein Tag ist zu wenig, um etwas ins Rollen zu bringen. Das Gepäck des restlichen Jahres ist zu schwer, als dass dies etwas verändern würde. Eigentlich, meint er, sollte man sich ein Jahr lang dem freien Tun hingeben und erst dann für einen Tag Struktur schaffen. Wahrscheinlich wäre das für viele eine Überforderung. Aber genau da setzt Niklaus an: «Warum überfordert es viele von uns ausgerechnet die simple Frage, was wir wirklich wollen – und was sagt das über unser Bildungssystem?»
Als Soziologe forscht und lehrt er vor allem in den Bereichen Architektur- und Stadtsoziologie, Soziologie der Drogen und (ethnische) Minderheiten. Seine Gedanken über Schule und Lernen entstehen aus dieser Vielfalt an Blickwinkeln – immer mit dem Interesse am Offenen, an Räumen, in denen nicht sofort bewertet wird. Auch das Vatersein prägt ihn: Kinder grosszuziehen und zu beobachten zeigt ihm immer wieder, dass Lernen nicht geradlinig verläuft. Es kann chaotisch, überfordernd oder überraschend sein, manchmal auch traurig – und gerade deshalb ist es so wertvoll. Für ihn liegt der Kern des Lernens im Tun: im Machen, im Scheitern und im Wiederentdecken. Er initiiert übrigens auch immer wieder visionäre Filmprojekte, mit denen gesellschaftliche Fragen künstlerisch ausgelotet werden.
Neugier, Offenheit und eine gute Portion Sturheit zeichnen ihn aus. Er brennt dafür, gemeinsam mit anderen etwas in Bewegung zu setzen, Menschen miteinander zu verbinden und Projekte anzustossen. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er im Moment versinkt und die Zeit vergisst – egal wo. Und wenn er sich eine Superkraft wünschen dürfte? Absolute Entscheidungssicherheit! Wobei – vielleicht bräuchte es gar keine. Vielleicht müsste er einfach nur mehr singen und Musik machen!
Das Gespräch führte Livia Vonaesch.
Foto: Sebastian Stadler