Tobias Stumpp
«It matters what stories make worlds, what worlds make stories.»
Donna J. Haraway
Tobias Stumpp ist seit 2025 als Kulturagent im Kanton Zürich tätig.
Wenn Du ein Kunstwerk wärst, was für eines wärst Du?
Ich wäre gerne eine Komposition von Kandinsky. Ich bin ja ein grosser Kandinsky-Fan und war neulich für eine Ausstellung in Amsterdam. Es fasziniert mich, dass man durch seine Bilder gehen und eine Geschichte erzählen kann. Und dass in seinen Bildern jeder etwas Eigenes entdecken könnte und dass man ohne Druck nichts über Kunst wissen muss. Und ja, ich kann Musik hören, wenn ich seine Bilder anschaue. Ich sehe viel Raum für mich in seiner Kunst.
Was würde Deine Kindergärtnerin über Dich sagen?
(Lacht) Er ist langsam. Ich war ein sehr langsames Kind. Er singt gerne. Er kann mit allen spielen. Er mag es überhaupt nicht, wenn er etwas ausmalen oder nachbasteln muss.
Was lässt Dich denn richtig kreativ werden?
Zeit zum Denken, spazieren gehen, kein Laptop, kein Handy und ein Gegenüber, bei dem ich meine Gedanken einfach teilen kann, ohne etwas entsprechen zu müssen.
Was war Dein erster Wow-Moment in der Tätigkeit als Kulturagent?
Am Visionsworkshop an einer Gesamtschule mit 70 Lehrpersonen hat mich die offene und wertschätzende Herangehensweise des Teams enorm begeistert. Sie sind alle voll offen in den Prozess eingestiegen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Da wusste ich: Das kommt gut. Sie sind genauso ausprobierfreudig wie ich.
Du bist ja ein Theatermensch: Welche Bedeutung hat für dich das Spiel?
Ja, das bin ich. Spiel bedeutet für mich auf der einen Seite Ausprobieren an einem konsequenzfreien Ort. Ich kann mich erleben, kann forschen und Sachen machen, die nicht unbedingt Konsequenzen haben. So dass Utopien im Spielraum eine temporäre Realität werden können. Und gleichzeitig ist das Spiel immer auch ein Aushandlungsort und nicht nur ein Happy Place. Ich würde hier Spiel auch gerne weiterdenken als nur das. Spiel kann uns über den Körper in einen Dialog bringen und in eine Auseinandersetzung. Es hat grosses Potenzial, Widersprüche sichtbar zu machen und Routinen zu hinterfragen. Gerade wenn wir es auf Institutionen oder Gesellschaft übertragen, weg vom einzelnen Individuum, besteht hier grosses transformatorisches Potenzial.
Und wo spielst Du in deinem Leben?
Meine Spielräume haben sich verändert, früher habe ich noch klassisch Theater gespielt. Heute ist das Rahmenerfinden und Anleiten mein Spielraum. Ich arbeite für die Kulturkosmonauten in St. Gallen und co-leite die Theatergruppe ChiBäm für Menschen mit Behinderung in Stuttgart. Mein Spiel konzentriert sich auf die Probenvorbereitung und -durchführung oder auch auf die Vorbereitung des oben erwähnten Visionsworkshops. Mein Spielraum ist die Findung eines Rahmens für einen solchen Anlass. Es gibt immer noch eine «Bühne», nur dass das Spielsetting viel mehr ins Alltägliche übersetzt ist. Diese Spielräume mitten in der Gesellschaft interessieren mich viel mehr als der klassische Theaterort. Die Suche nach Schnittstellen und die Gestaltung sozialer Räume sind mein Spielraum geworden. Deshalb will ich auch das Performative in die Schule bewegen und nicht nur die Schule ins Theater.
Das Gespräch führte Laura Zachmann.
Foto: Jonathan Frei Hagos