Kulturagentinnen und Kulturagenten Schweiz

Livia bewegt sich in ihrem Alltag zwischen Appenzellerland und Zürich – sie entführt andere in die Welt der Momentaufnahmen und des bewegten Bildes, fotografiert und inszeniert Performances. Ihre Projekte greifen gesellschaftliche Fragen auf wie zum Beispiel: das lebenslange künstlerische Arbeiten, den Umgang mit dem Tod oder das Aufwachsen von Kindern mitten auf hoher See. Mit wachem Blick, Geduld und einer ausgeprägten Sensibilität für das Unscheinbare und oft auch Unsichtbare taucht sie in fremde Lebenswelten ein. Wir treffen uns im Niemandsland, wie sie ihren Ort nennt, irgendwo zwischen Quelle, Wald und Weide, abseits der Strasse, aber mitten im Leben.

Du wohnst an verschiedenen Orten. Welche Rolle spielen Orte für deine Arbeit?

Ich mag Ortswechsel und Kontraste – sie wirbeln durcheinander und bringen neue Stimmungen ins Spiel. Bei meiner Arbeit als Filmemacherin stosse ich dank Drehorten auf der ganzen Welt auf sehr unterschiedliche Menschen, Haltungen und Rituale. Dabei habe ich gemerkt, dass gerade Begegnungen und das Dazwischen entscheidend sind – jene Zwischenräume oder Übergänge, in denen Unerwartetes entstehen kann.

Wie arbeitest Du denn so?

Oft arbeite ich an mehreren Projekten gleichzeitig. Dinge, die sich gegenseitig inspirieren können. Manche brauchen einen langen Atem, wie mein Langzeit-Kinodokumentarfilm, an dem ich neun Jahre gearbeitet habe. Eine Zeit voller Wellengang und Stürme – aber auch mit Momenten, in denen sich feinste Nuancen herauskristallisierten, die erst sichtbar wurden. Genau deshalb lohnt es sich, so lange dranzubleiben.

Wenn du frei wählen könntest – an welchem Ort sollte Schule stattfinden?

Mich fasziniert der Gedanke, dass Kinder ihre Räume selbst erschaffen – wie etwa an der Green School in Indonesien. Wer mitgestaltet, baut eine Beziehung auf: Der Raum wird Teil von einem selbst – und Fürsorge und Verantwortung dafür entstehen ganz selbstverständlich. Ich habe das selbst erfahren – in New York, als ich ein Restaurant mitaufgebaut habe. Ich kannte jede Schraube, jede Möglichkeit – wir haben viel ausprobiert und dabei im Prozess gelernt – auch darüber, was passiert, wenn etwas nicht nach Plan läuft und plötzlich neue Herausforderungen ins Spiel kommen oder etwas scheitert. Und auch hier, im Haus im Niemandsland, habe ich das Gefühl, dass mich der Ort prägt, gerade weil ich ihn Stück für Stück mitgestaltet habe. In der Schule können Räume, Plätze, Gärten eigentlich nicht nur genutzt, sondern auch von den Kindern mitgestaltet und gepflegt werden – drinnen und draussen.

Wie kommen kreative Prozesse in Schwung?

Sobald meine Neugier geweckt ist und ich etwas genauer erforschen möchte. Kreative Prozesse entstehen bei mir auch dort, wo ich eine Unsicherheit spüre, wenn etwas nicht planbar ist und ich mich darauf einlasse. Wir haben im Leben nur begrenzte Kontrolle und eine beschränkte Wahrnehmung. Genau dieses offene Feld finde ich spannend – in meiner eigenen Arbeit wie auch im Zusammenwirken mit anderen. Auch in Schulen können solche Momente entstehen: wenn Unsicherheit nicht als Gefahr verstanden wird, sondern als Einladung, Neues zu wagen. Räume, in denen man das Ungeplante willkommen heisst, sind oft die, in denen das Kreative aufblüht.

Was nimmst du aus deiner bisherigen Tätigkeit für deine Arbeit als Kulturagent*in mit?

Die Kunst und Freude am Beobachten, Entdecken und Ausprobieren. Dort entstehen Funken. Dafür braucht es Zeit, Raum und manchmal auch den Mut, Bekanntes zu hinterfragen.

Was findest Du am Ort Schule interessant?

Die Schule ist eine Art Spiegel der Gesellschaft. Ein Ort voller Beziehungen. Genau das macht sie so lebendig und spannend. Und ich denke, sie ist ein Ort, an dem sich erahnen lässt, wie die Welt von morgen aussehen könnte.

Welches typische Schulfach würdest du wählen, um daran mit deiner Arbeit anzuknüpfen?

Ethik. Eigentlich würde ich das Fach aber gerne «Resonanzräume» nennen. Ein Fach, in dem wir üben, uns selbst und anderen wirklich zuzuhören, Unterschiede stehenzulassen – egal ob es um Geschlecht, Herkunft, oder Anderssein geht – und nicht vorschnell zu urteilen. Es ginge darum, Offenheit zu kultivieren und sich selbst zu fragen: Womit gehe ich in Resonanz? Wie kann ich mir und anderen zuhören? Und dann vor allem gemeinsam ins Tun zu kommen. Dafür gäbe es keine Noten, sondern die Erfahrung, dass Vielfalt nicht trennt, sondern Verbindungen schafft – und jede Menge Inspiration schenkt.

Das Gespräch führte Niklaus Reichle.