Kulturagentinnen und Kulturagenten Schweiz

Stadtpläne stehen für den offiziellen Blick auf eine Gemeinde: Sie zeigen Distanzen, Grundstücke und Wegführungen auf. Doch vieles, was wir im Alltag wahrnehmen und erleben, bleibt darin unsichtbar. Im Rahmen der Projektwoche «Kreuzlingen neu entdecken» begeben sich Schüler*innen des SSZ Egelsee auf Spurensuche in ihrer Stadt. Ausgangspunkt ist ein Stadtplan, der den offiziellen Blick auf den urbanen Raum repräsentiert. Die Teilnehmer*innen erkunden den Stadtraum zu Fuss, fotografieren, sammeln Klänge, gestalten Modelle von Gebäuden aus Gips, befragen Menschen und setzen sich intensiv mit ihrer gebauten und gelebten Umwelt auseinander. Mit auf den Weg erhalten sie eine Packet mit Utensilien, die sie während der Woche begleiten: Kamera, Notizbuch, ein Stadtplan, Stifte, verschiedene Anweisungen und eine historische Postkarte. 

Die eigene Stadt, den eigenen Lebensraum neu entdecken und das Erlebte kreativ ausdrücken – ist das Ziel der Projektwoche. Wenn man genau hinsieht, hinhört und hinspürt, eröffnen sich neue Perspektiven auf das vermeintliche Vertraute. All dies halten die Schüler*innen während der Woche fest: 

«Ich wusste gar nicht, dass es da oben Villen gibt. Ich war noch nie da», bemerkt ein Schüler, nachdem er von einer Erkundungstour zurückkehrt. In den folgenden Tagen berichten zahlreiche Schüler*innen in ähnlicher Weise von bislang unbeachteten Aspekten ihrer Stadt, die durch die Erkundungen neu in ihr Blickfeld geraten sind.

Rund um den Stadtplan entsteht auf einem grossflächigen Packpapierhintergrund Schritt für Schritt eine wachsende Karte des gelebten Alltags. In einer kollektiven künstlerischen Auseinandersetzung machen die Schüler*innen ihre persönlichen Zugänge zur Stadt Kreuzlingen sichtbar – eine subjektive Kartografie ihrer Stadterfahrungen. Klänge, Qualitäten, Perspektiven und spezifische Orte werden darin sichtbar. Begleitet werden sie von Lehrpersonen, dem Baukulturvermittler Ueli Vogt und dem Kulturagenten Niklaus Reichle.

Das künstlerische Endprodukt ist eigenwillig – irgendwo zwischen systematischer Betrachtung und chaotischer Zusammenstellung: Töne werden im Stadtplan verortet, Gebäude in ihrer Form zueinander in Beziehung gesetzt, und mit analogen Kameras entstehen neue Postkartenmotive der Seestadt. Das Kleine und Verborgene interessiert dabei ebenso wie das Monumentale und Grosse. Über die Tage sammelt sich viel Material an. Auf einem grossen Tisch wird es ausgelegt, gesichtet und sortiert. Immer wieder stellen sich die Schüler*innen der Frage, wie diese Funde und Sammelstücke in Szene gesetzt und präsentiert werden könnten. Hinweise und mögliche Fährten fürs Kuratieren ihrer Kunstwerke liefert Ueli Vogt – ehemals Leiter des Zeughaus Teufen und früherer Co-Leiter des Kunstraums Kreuzlingen.

Während der Woche erleben die Schüler*innen, wie vielfältig ihr Lebensraum ist und wie vieles im Alltag unbeachtet bleibt. Gleichzeitig bewegen sie sich jenseits des Klassenzimmers in unterschiedlichen Räumen, kommen mit verschiedenen Menschen in Kontakt und arbeiten konsequent analog. Die Grenzen zwischen Schule und der Realität ausserhalb verschwimmen. Die Schüler*innen lernen in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Welt. Wissen wird nicht über Lehrmittel vermittelt oder von der Lehrperson entgegengenommen, sondern selbst erhoben: beim Abstieg zum Bach für die Tonaufnahme, bei der Suche nach dem richtigen Bildausschnitt oder im Gespräch mit Passantinnen, die neue Perspektiven auf die Stadt eröffnen. Die Arbeit verlangt Eigeninitiative, Neugierde und die Bereitschaft, sich auf Orte und Begegnungen einzulassen. Für viele Schüler*innen ist diese Arbeitsweise ungewohnt und herausfordernd, zugleich aber Teil des Lernprozesses.

Am Ende steht nicht das fertige Kunstwerk im Foyer des Schulhauses im Vordergrund, sondern die vielfältigen Erfahrungen der Schüler*innen. Die Projektwoche verdeutlicht, dass der Stadtraum nicht allein durch Karten und Pläne beschrieben werden kann, sondern wesentlich durch individuelle Wahrnehmung und Praxis geprägt wird.