Partizipation – Und wer trägt die Verantwortung?
17. Juli 2025
von Sarah Freiermuth
Partizipation ist ein zentrales Schlagwort im Kulturagent.innen-Projekt – und das zu Recht*. Doch was bedeutet es, wenn Schüler*innen in einem Projekt mitbestimmen dürfen? Wer trägt die Verantwortung für das, was entsteht?
Ein Beispiel: An einer Schule wird ein Theaterprojekt durchgeführt. Die Schüler*innen dürfen das Thema dafür selbst wählen. Die 4. Klasse entscheidet sich für das Thema «Krimi». Die Theaterpädagogin sagt, sie arbeitet partizipativ. Damit meint sie, dass sie von den Themen und den Inhalten der Schüler*innen ausgeht und daraus ein Stück entwickelt. Die Schüler*innen erfinden eine Geschichte. Dabei sind sie fasziniert vom Morden. Ein Massenmörder soll sich in ihrer Geschichte umtreiben. Sie wollen kein Happy End, alle sollen sterben. Die Mädchen der Klasse wollen, wie sie es nennen, «Tussis» spielen. Alles wird von der Theaterpädagogin zusammengefügt. Die Lehrerin bringt den Mädchen bei, wie sie gut in hohen Absätzen gehen können. Die Mordszenen werden als Schattentheater eingeübt, damit sie besonders echt aussehen. Zur Premiere kommen Eltern und kleine Geschwister. Es gibt Applaus, aber auch Irritation und Kritik. Die Empörung des Publikums wird als zu wenig offen für künstlerische Freiheit befunden. Gleichzeitig zeigt man sich aber auch etwas geschockt über die Kinder und welche Fantasien sie in sich tragen.
Dieses Beispiel steht exemplarisch für ein Missverständnis, das in partizipativen Kulturprojekten immer wieder auftaucht: Partizipation wird hier als eine 1:1 Umsetzung der Ideen der Kinder verstanden. Doch Partizipation bedeutet nicht, Kinder einfach machen zu lassen. Was hier als partizipativ verstanden wird, ist ein Rückzug aus der pädagogischen Verantwortung.
Jörg Maywald beschreibt in seinem Text «Kinderrechte, Selbstbestimmung, Partizipation und erwachsene Verantwortung», das herausfordernde Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen. Denn Kinder sind einerseits wie die Erwachsenen auch Menschen und deshalb gleichberechtigt, andererseits gibt es eine Verschiedenheit, denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Entwicklungsbedingt haben sie spezifische Bedürfnisse und brauchen, auch was die Partizipation betrifft, kindgerechte und entwicklungsfördernde Beteiligungsmöglichkeiten. Die Verantwortung dafür tragen die Erwachsenen (vgl. Maywald 2020: 175f). Als Kulturvermittlerin, die partizipative Projekte durchführt, bewege ich mich ständig in diesem Spannungsfeld. Einerseits möchte ich den Schüler*innen auf Augenhöhe begegnen, ihre Ideen ernst nehmen und gleichwertig im künstlerischen Prozess behandeln, andererseits trage ich als Erwachsene auch ganz klar die Verantwortung für das, was passiert. Eine bedingungslose Umsetzung der oben beschriebenen Ideen der Kinder lässt sich mit Maywalds Worten folgendermassen einordnen: «Wird die Gleichheit überbewertet, so leugnet dies die zwischen Erwachsenen und Kindern notwendigerweise bestehenden Unterschiede. Kinder werden in diesem Fall wie kleine Erwachsene behandelt und die (pädagogische) Beziehung pervertiert zur Kumpanei mit allen damit verbundenen Gefahren von Grenzverletzungen zu Lasten des Kindes.» (Maywald 2020: 176) Diese Grenzverletzung passiert für mich, indem wir Kindern das Recht an der Teilhabe am Diskurs nehmen. Um abzuschätzen, wie sie in der Öffentlichkeit einer Aufführung, einer Präsentation oder Ausstellung wirken und was das erzählt, brauchen Schüler*innen altersgerechte Verhandlungsräume, die ihnen Schutz, Orientierung und eine faire, gemeinsame Reflexion ermöglichen. Lassen wir sie ohne diese Chance raus in die Öffentlichkeit, führen wir sie vor.
Themen wie Gewalt oder Sexualisierung sind Teil der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie faszinieren – oft mit grosser Intensität. Das ist weder überraschend noch problematisch. Das alles darf sein, denn es zeigt mir als Kulturvermittlerin, welche Themen aktuell umtreiben. Nun ist es an mir, Verantwortung zu übernehmen und das, was sich zeigt, mit den Schüler*innen zu verhandeln. Hierin liegt für mich die grosse Stärke von Kulturprojekten mit künstlerischem Output. Denn durch die Tatsache, dass das Produkt am Ende einer Öffentlichkeit präsentiert wird, eröffnet sich die Dringlichkeit, mit den Schüler*innen über das Thema Verantwortung, Stereotypen und deren Reproduktion in einen Dialog zu kommen. Die eigenen Bilder und die Gesellschaft können kritisch beleuchtet und reflektiert werden – und zwar in einem realen Setting mit potenziellen Folgen des eigenen Handelns. Es geht mir hier nicht ums Canceln oder Tabuisieren – im Gegenteil. Es geht mir darum, diese Themen der Schüler*innen ernst zu nehmen und sie in einem pädagogischen, altersgerechten Rahmen gemeinsam zu reflektieren: Warum interessieren uns solche Themen? Was sagt das über uns – und über unsere Welt? Welche Bilder von Weiblichkeit, Männlichkeit, Macht oder Ohnmacht reproduzieren wir – und wollen wir das? Dies macht ein Eintauchen in einen Diskurs möglich. Erste, meist impulsive Ideen können weiterentwickelt, geordnet, verdichtet und übersetzt werden. Schüler*innen erhalten so die Möglichkeit, sich mit der Welt auseinanderzusetzen und sich zu ihr zu verhalten.
Hier beginnt Partizipation.
Hier beginnt Bildung.
Hier beginnt der künstlerische Prozess!
*siehe Blogbeitrag vom 10. Juli «Warum eigentlich Partizipation fördern?»
Literatur
Maywald, J. (2020): Kinderrechte, Selbstbestimmung, Partizipation und erwachsene Verantwortung. In: Budde, R., Markowska-Manista, U. (Hrsg.). Childhood and Children‘s Rights between Research and Activism. Honouring the work of Manfred Liebel. Springer VS, S. 175-185.
Foto: Clara Neugebauer, Spielclub u23 Bühne Aarau 2023