Kulturagentinnen und Kulturagenten Schweiz

Partizipation ist insbesondere in der kulturellen Bildung seit einigen Jahren in aller Munde. Projektaufrufe, Tagungseinladungen und Publikationen zum Thema wollen nicht enden. Über kaum einen Begriff wurde in der kulturellen Bildung – und inzwischen auch in der baukulturellen Bildung – so intensiv diskutiert, gesprochen und geschrieben. Auch in unserem Projekt ist dieses Thema allgegenwärtig. Dieser Anlass bildet für mich die Gelegenheit, die unbestrittenen Gründe für eine stärkere Partizipation an Schulen noch einmal genauer zu beleuchten.

In den zwei unten aufgeführten Publikationen finde ich rasch Antworten. Beide skizzieren die folgenden drei Begründungslinien, die ich ab jetzt auch in meiner Arbeit als Kulturagentin griffbereit haben werden.

1. Rechtliche Begründungslinie

Das Mitwirkungsrecht von Schüler*innen ist mit Bezug auf die UN-Konventionen auch im Volksschulgesetz (§ 50 Abs. 3 VSG) verankert. Seit der Einführung des Lehrplans 21 ist die Förderung von Partizipation auch curricular festgeschrieben. Unter dem Aspekt Schule als Gestaltungs-, Lern- und Lebensraum wird aufgeführt, dass Schüler*innen «sich in der Schule ihrem Alter entsprechend [einbringen und auf Klassen- und Schulebene mitwirken sollen]». Zudem werden die Themen «Politik, Demokratie und Menschenrechte» in dem Querschnittsthema Bildung für nachhaltige Entwicklung explizit behandelt. Auch die Fachstelle für Schulbeurteilung des Kantons Zürich prüft inzwischen unter dem Aspekt der «Schulgemeinschaft» das Mass an Partizipation, das an der Schule gelebt wird. Aktuell beinhaltet die Fokusevaluation im Kanton Zürich zusätzlich für den Zyklus 2021-2026 den Aspekt «Demokratiebildung», wobei die Themen Partizipation und Verantwortung von besonderem Stellenwert sind.

2. Gesellschaftliche Begründungslinie

Schüler*innen zu kritikfähigen, verantwortungsbewussten und freien Individuen auszubilden, lautet bereits eine der zentralen Bildungsideen der Aufklärung. Davon ausgehend etablierte sich das Verständnis, dass Partizipation ein demokratisches Grundprinzip ist und das Einüben von demokratischen Prozessen und Erlernen von Kompetenzen (Bedürfnisse erkennen, argumentieren, artikulieren) und demokratischen Werten etabliert werden muss. Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen, soll von Klein auf gelernt sein.

3. Pädagogische Begründungslinie

Die dritte zentrale Argumentationslinie ist noch tiefer im Schulsystem verwurzelt. Wissenschaftliche Studien haben wiederholt bestätigt, dass intrinsische Motivation die beste Grundlage für effektives Lernen darstellt. Die Maxime lautet daher: Je mehr Schüler*innen selbstgesteuert lernen können, desto bessere Lernergebnisse erzielen sie. Fehlen ihnen jedoch ausreichende Möglichkeiten zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit, kann dies ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen und die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme verringern. Darüber hinaus beruht die in der kulturellen Bildung weitverbreitete Annahme, dass Bildungsprozesse stets Selbstbildungsprozesse sind, auf grundlegenden Aspekten der Partizipation: Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Mitwirkung, Anerkennung sowie Ressourcen- und Stärkenorientierung.

Mögen die drei Argumentationslinien noch so eingängig und auch rechtlich zwingend sein, ist Partizipation an vielen Schulen, mit Ausnahme der Schulparlamente, noch immer ein wenig gelebtes Prinzip. Selbst die Schulparlamente finden oft ausserhalb des Regelunterrichts statt und werden von Schule zu Schule mit einem sehr unterschiedlichen Partizipationsgrad geleitet. Dabei wäre die Schule als Ort, der massgeblich am Sozialisationsprozess von Kindern und Jugendlichen beteiligt ist, der ideale Ort, um demokratische Werte und Einstellungen zu erlernen und Prozesse einzuüben. Welche Strukturen, Rollenverteilungen und Praktiken den Partizipationsanspruch an Schulen erschweren, liest sich im Text «Partizipation und Schule 2 – Was sind die systemimmanenten Herausforderungen?».

Literatur

— Cathrin Reisenauer (2020): Kinder- und Jugendpartizipation im schulischen Feld – 7 Facetten eines vielversprechenden Begriffs. In: Partizipation & Schule, Sabine Gerhartz-Reiter & Catrin Reisenauer (Hrsg.)

— Helle Becker (2015): Partizipation und Kulturelle Bildung in Jugendarbeit und Schule. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/partizipation-kulturelle-bildung-jugendarbeit-schule (letzter Zugriff am 11.7.2025)