Wir alle sind Kulturschaffende! – Vom Gefässe füllen, formen, befragen und zerstören.
15. Juli 2025
von Sarah Freiermuth
«Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.»
Weltkonferenz über Kulturpolitik. Schlussbericht der UNESCO, 26. Juli bis 6. August 1982
Im Aufeinandertreffen von Schule und Kulturagent*in steht für mich zunächst die Suche nach einem gemeinsamen Kulturbegriff im Mittelpunkt. Dieser Prozess kann durchaus konfliktbehaftet sein. Die von der UNESCO formulierte Kulturdefinition, auf die sich auch das Bundesamt für Kultur stützt, stützt auch mich in der Vermittlung eines breiten Kulturverständnisses. Sie eröffnet vielfältige Möglichkeitsräume – Räume, die über ein elitäres Verständnis von Hochkultur hinausgehen und meiner Ansicht nach deutlich näher an der Realität schulischer Praxis liegen und so Lehrpersonen handlungsfähig machen.
Stell dir vor, du stehst vor dieser Kultur, einem Meer aus Gefässen. Diese Gefässe sind alle aus einer Dringlichkeit heraus entstanden und bestimmen, wie wir einander Begegnen und was wir dabei verhandeln. Viele dieser Gefässe sind «so machen wir es halt»-Gefässe. Überliefert, eingefahren, oft unbewusst, werden sie immer und immer wieder befüllt. Es gibt Gefässbewahrer*innen. Sie sorgen je nach Perspektive für Stabilität, Sicherheit oder Stillstand.
Stell dir vor, diese Gefässe sind veränderbar und es gibt noch ganz viele Leerstellen in diesem Meer aus Gefässen – Platz für neue, dringliche Gefässe. Wir alle verfügen im Kleinen oder Grossen über Gestaltungsmacht, um Gefässe zu formen. Wir formen Gefässe: Räume, Rituale, Regeln, Beziehungen und stellen sie neben, zwischen, in und auf schon bestehende Gefässe. Stell dir vor, wir alle sind Kulturschaffende – auch du. Stell dir vor, wir alle sind Gefässbewahrer*innen – auch du.
Die Gestaltungsmacht von Lehrpersonen ist gross. Grosse Gestaltungsmacht nennt man Privilegien. Stell dir vor, du bist Schüler*in, wirst von deiner Lehrperson durch dieses Meer an Gefässen geführt, hältst dich in ihnen auf, weisst aber nicht, wie man diese formt. Die Gestaltungsmacht der Schüler*innen ist oft eher gering.
Darren O’Donnell, Performer und Entwickler von Formaten wie Haircuts by Children, bezeichnet Kinder als die letzte Minderheit, die in unserer Gesellschaft, unserer Kultur, legal unterdrückt werden darf. Kinder begegnen Erwachsenen in Gefässen, die stark von Hierarchie geprägt sind. Ein adultitäres Verhältnis. Erwachse entscheiden, gestalten, kontrollieren, bestimmen, was gut ist für die Kinder. Was passiert, wenn wir diese Gefässe infrage stellen? Stell dir vor, du als Kind erhältst Gestaltungsmacht!
Stell dir vor, das Gefässeformen wird demokratisiert. Stell dir vor, in der Schule lernen Schüler*innen Gefässe zu formen, kritisch zu betrachten, zu verändern oder zu zerstören. Schüler*innen werden zu Kulturschaffenden ausgebildet, um die Gesellschaft mitzugestalten. Das nennt sich Kulturelle Bildung. Stell dir vor, die Schule ist ein Testgelände für neue Gefässe! Stell dir vor, du als Lehrperson gibst deine Privilegien auf. Stell dir vor, du als Schüler*in wirst als Kompliz*in im Entwickeln einer Bildung der Zukunft ernst genommen. Was ist das Beste, das dabei passieren kann?
Bist du ready für die Revolution?
Oder denkst du Schüler*innen-Partizipation ja, aber…
Wird es Dir als Erwachsene*r ab dem drohenden Kontrollverlust grad ein wenig "gschmuch"? Aber was wird da eigentlich kontrolliert?
Zwei Abschnitte zurück: Die Gestaltungsmacht von Lehrpersonen ist gross, sie können ihre Schulkultur-Gefässe mitformen und bewusst gestalten. Bewusstes Gestalten startet meiner Meinung nach mit dem Befragen dessen, was schon da ist:
Welche Gefässe füllen wir täglich – ohne sie zu hinterfragen?
Wo erhalten Kinder Gestaltungsmacht?
Welche Kinder erhalten Gestaltungsmacht?
Welche Gefässe machen uns müde? Welche lebendig?
Welche Gefässe müssen wir umformen oder zerstören?
Und welche fehlen uns noch?
Auch die kleinstmöglichen Verformungen verändern ein Gefäss. Ritzen schaffen Raum, tiefere Ränder einen einfacheren Zugang, durch ein kleines Loch entweicht Tropf für Tropf, was du loswerden willst.
Abb. 1. und 2.: Laura Lanfranchi